Das Weihnachtsfohlen

Eine Weihnachtsgeschichte für Pferde & Menschen


Vor vielen, vielen Jahren lebte eine Pferdeherde friedlich und mit sich und der Natur im Einklang. Sie wurde angeführt von einer besonders weisen Stute, die die Herde immer zu den besten Wasser-, Futter- und Schlafplätzen führte. Sie war die Leitstute. Alle Pferde mochten sie und vertrauten ihr.

Ein großer, weißer Hengst hielt die Herde zusammen und holte auch kleine Ausreißer immer wieder zurück. Er beschützte die Herde vor Gefahren, insbesondere vor Raubtieren. Manche Pferde, besonders die jüngeren, hatten manchmal etwas Angst vor ihm, weil er streng und sehr konsequent war. Doch im Laufe der Zeit erkannten sie, dass hinter seinem starken Blick eine tiefe Liebe für jedes einzelne Pferd lag. Er war der Leithengst und alle respektierten ihn.

Als der Sommer bereits hinter ihnen lag und sich auch der Herbst schon dem Ende zuneigte, wurde – wie in jedem Jahr – das Futter knapper und die Pferde verloren an Gewicht. Das war nicht Neues und die Pferde wussten: „Das hat die Natur sich gut ausgedacht.“ Das Gras im nächsten Frühjahr würde wieder besonders saftig und nahrhaft sein. Da war es gut, dass sie über den Winter abgenommen hatten, denn so blieben sie langfristig gesund und immer beweglich genug für eine Flucht, wenn es erforderlich war.

 

Doch in diesem Jahr war etwas anders. Nach und nach fiel es allen Pferden auf, doch zuerst dachten sie, dass sie es sich nur einbildeten. Vielleicht lag es am Lichteinfall, oder am Winterfell….. doch irgendwann gab es keinen Zweifel mehr: Alle Pferde wurden dünner. Alle, außer der Leitstute. Weil sie ganz vorne vor der Herde her ging, konnten die anderen Pferde von hinten gut erkennen, dass ihr Bauch nicht dünner, ihre ganze Statue nicht schmaler wurde. Manch ein Pferd meinte sogar zu erkennen, dass sie noch rundlicher geworden war. Wie war das möglich? Hatte sie etwa heimlich Vorräte gesammelt, die sie ganz alleine fraß, wenn die anderen nicht hinschauten? Das konnte doch gar nicht sein, so etwas würde sie doch nicht machen…oder? Die Pferde waren verunsichert, einige empörten sich und wurden wütend. „Vielleicht ist sie aber auch krank?“, überlegten sie dann. „Nicht dass ihr Bauch so aufgebläht ist und sie eine Kolik bekommt!“ Die Pferde bekamen Angst und machten sich Sorgen – um ihre Leitstute, aber auch um sich selbst. Sie wussten, dass eine Kolik meist tödlich endete. Wer würde sie versorgen, wenn die Leitstute starb?

Nach einigen Tagen der Verunsicherung beschlossen die Pferde, ihre Leitstute darauf anzusprechen. Sie fühlten sich gar nicht wohl damit, hinter ihrem Rücken zu spekulieren. So gingen sie nicht miteinander um. In ihrer Herde sprach man miteinander, nicht übereinander. Am nächsten Ruheplatz fassten sie sich ein Herz und äußerten ihre Beobachtung, Überlegungen und Sorgen. Die Leitstute hörten ihnen bis zum Ende zu, lächelte und sagte: „Ihr braucht Euch keine Sorgen machen. Ich bin weder krank, noch habe ich geheime Vorräte. Ich bin tragend und werde mein Fohlen noch in diesem Jahr zur Welt bringen.“ Die Pferde starrten sie fassungslos an. Ein Fohlen? Mitten im Winter??? Das konnte doch gar nicht sein, das wusste doch schon jedes Jungpferd! Fohlen wurden im Frühjahr oder im Sommer geboren, ganz selten mal im Herbst. Aber auf gar keinen Fall im Winter! Auch das war von der Natur ganz wunderbar so gesteuert!

Ein neu geborenes Fohlen wäre viel zu schwach, um im kalten Winter zu überleben. Es wäre mit seinem dünnen Fell schutzlos Wind und Kälte ausgesetzt und seine Mutter fand in dieser Zeit ja gerade genug Futter für sich selbst. Sie wäre gar nicht in der Lage, auch noch ihr Fohlen zu säugen. Nach einem ersten Schweigen fingen die Pferde laut an zu lachen, das musste ein Witz sein. Sie lachten die ganze Anspannung der letzten Tage aus sich heraus. Doch die Leitstute blieb ruhig und lächelte weiter. Da schauten sich die Pferde nach ihrem Leithengst um und wollten hören, was er dazu sagen würde. Doch der Leithengst lächelte ebenfalls und sagte nichts – so wie er es immer tat, wenn alles was es zu sagen gab, bereits gesagt war. Und so zog die Herde weiter.

 

Nachdem die Pferde diese ungeheuerliche Neuigkeit verstanden hatten, wurden sie traurig. Die Leitstute würde ihr Fohlen verlieren, vermutlich schon in der ersten Nacht. Mit schweren Hufen wanderten sie schweigend und in sich gekehrt weiter.

Am Morgen des 24. Dezember merkte die Leitstute, dass es so weit war. Heute würde ihr Fohlen geboren werden. Es war ein besonders kalter Tag und der Wind pfiff eisig. Sie hielt Ausschau nach einem geschützten Platz, und führte die ganze Herde zu einem Felsvorsprung, um dort ihr Fohlen zur Welt zu bringen. Als die Pferde verstanden, warum sie hier lagerten, erschraken sie. Irgendwie hatten sie doch noch gehofft, dass alles ein Irrtum sei und ihnen allen der Schmerz und die Trauer erspart bleiben würde. Doch dann besannen sie sich: „Es ist ja doch nicht zu ändern“, sagten die ersten. „Lasst uns helfen, so gut wir können“. Und sie zogen alle los, sammelten trockenes Gras, kleine Äste und Büsche und bereiteten ein weiches Lager für die Stute und ihr Fohlen. Und gerade, als sie den letzten Ast hinzugefügt hatten, erblickte das Fohlen das Licht der Welt.

 

Schnell schlossen sie einen Kreis, um Mutter und Fohlen durch ihre Körper vor dem Wind zu schützen und zu wärmen. Das kleine Fohlen war wunderschön mit schneeweißem Fell, so wie sein Vater. Eigentlich war sein Fell sogar noch weißer, es glänzte richtig – wahrscheinlich, weil es noch nass war von der Geburt….. Doch, was war das? Dieses kleine Wesen wirkte gar nicht schwach und zittrig. Es stand fest auf seinen kleinen Hufen und blickte freudig in die Runde. Und…… es hatte….Winterfell! Nein, das konnte nicht sein, sie mussten sich getäuscht haben. Vorsichtig schauten sie genauer hin. Tatsächlich. Dieses kleine Fohlen war mit einem richtig dicken und langen Winterfell zur Welt gekommen.

Allmählich löste sich die Stimmung und ein Pferd nach dem anderen näherte sich dem Fohlen, beschnupperte es liebevoll und hieß es in der Herde willkommen. Die Augen des kleinen Fohlens leuchteten – als ob sich die Sterne am Himmel in seinen Augen spiegeln würden. Doch tatsächlich kam das Leuchten nicht von den Sternen. Dieses Leuchten, dieser ganz besondere Glanz, der kam aus dem Fohlen selbst. Und er übertrug sich auf jedes andere Pferd, das dem Fohlen in die Augen schaute. Und so hüllte sich in dieser Nacht ein Glanz und ein Leuchten um die Pferde, wie es kein Pferd je zuvor erlebt hatte.

 

Die Jahre vergingen und das Weihnachtsfohlen wuchs zu einem stattlichen Hengst heran. Er lernte alles von seinem Vater, was es zu wissen gab, um eine Herde sicher und fürsorglich zu leiten. Und als die Zeit gekommen war, nahm er den Platz seines Vaters ein und wurde der beste Herdenchef, den die Pferdewelt je erlebt hat.

 

All‘ das liegt nun schon lange Zeit zurück. Nie wieder wurde ein Fohlen am 24. Dezember geboren. Doch seit dieser denkwürdigen Nacht, in der das Weihnachtsfohlen das Licht der Welt erblickte, wird jedes Fohlen mit diesem einzigartigen Glanz in den Augen geboren – auch deins. Manchmal kommt es vor, dass der Glanz in den Augen eines Pferdes nachzulassen scheint – z.B. wenn es krank ist oder trauert. Dann ist es, als läge ein Schleier über den Augen des Pferdes. Doch ganz gleich, wie sehr der Blick eines Pferdes auch getrübt sein mag: sein Glanz, sein Leuchten geht nie verloren, es ist nur verdeckt. Und es kann zu neuem Leben erweckt werden – durch ein Lächeln und die Liebe eines Menschen.

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